…und zwar von 30 Kindern! So ähnlich fühlt es sich für mich im Kindergarten manchmal an, und das Gefühl ist großartig, und überwältigend und irgendwie auch ein bisschen erschlagend.
Aber eins nach dem anderen. Ich dachte, nachdem ich nun seit zwei Monaten in Rumänien bin, davon 6 Wochen hier im Kindergarten, gebe ich euch mal meinen ersten Eindruck von der Arbeit im Projekt zum Besten, und zwar ein bisschen ausführlicher als es im Tagesablauf der Fall war. (Kurzer Disclaimer: Wenn ich sage „ein bisschen ausführlicher“ meine ich in diesem Fall tatsächlich „in Romanform“.)
Für alle, die sich jetzt denken: Boah, wie viele Blogeinträge zum Thema „erster Eindruck“ will sie denn noch machen – ich denke, das hier ist der letzte, liebe Freunde. Denn so langsam ebbt die wilde Flut der neuen Eindrücke ab, und es stellt wirklich das Gefühl des Angekommenseins ein. Das ist nicht immer leicht, aber dazu möchte ich an einem anderen Punkt etwas erzählen. Nun erst mal zu meiner Arbeit mit den Kindern!
Aller Anfang ist schwer, so sagt man. Sprachlich gesehen traf das auf meinen Start im Kindergarten definitiv zu. Es gab etliche Momente (und gibt sie auch jetzt noch reichlich, auch wenn ich allmählich etwas souveräner im Umgang damit werde) in denen ich nichts tun konnte außer hilflos zu gestikulieren oder zu versuchen mit meiner Mimik zu sprechen. Mit Kindern funktioniert das bis zu einem gewissen Grad ja auch noch, aber spätestens bei den Erwachsenen war bzw. bin ich teilweise ganz schön aufgeschmissen. Das kann mitunter wirklich frustrierend sein, wenn man schon seit Jahren kein „Neuling“ mehr in einer Fremdsprache war, und nun wieder ganz bei Null anfangen muss. Egal wo ich bisher auf Reisen war, konnte ich mich notfalls immer noch mit Englisch verständigen, und das beherrsche ich ja gut. Aber mit so kleinen Kindern funktioniert das eben nicht. Und da steht man dann da, und möchte einen Moralvortrag halten, oder schimpfen, oder loben, oder trösten, und kann leider nur Smalltalk machen und nicken und je nach Situation lieb oder böse gucken. An manchen Tagen ist es echt zum Haareraufen! (Ehrlich gesagt habe ich schon ein paar Mal, wenn mir der Kragen geplatzt ist, meiner Frustration einfach auf Deutsch Luft gemacht. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem besonders frechen Kind mal so richtig die Meinung auf Deutsch gegeigt. Die Kleine hat große Augen gemacht und mich dann am Ende gefragt: „Und was hast du jetzt gesagt?“ 😀 )

Mittlerweile kann ich zumindest das Nötigste – Hör auf damit! Gib das her! Gut gemacht! Musst du auf’s Klo? Wo tut es weh? etc. – zu den Kindern sagen. Aber lasst euch von diesem Satz jetzt nicht täuschen. Wenn ich sage ich kann „das Nötigste“ sagen, bedeutet das, meine Sätze sind unvollständig, voller Grammatikfehler und mit vielen leicht spanisch- oder englisch-angehauchten Fantasiewörtern durchzogen, wenn ich mal wieder vergeblich versuche mir etwas aus meinem bisherigen Fundus an Vokabeln herzuleiten. (Aktuellstes Beispiel: „patientia“ – war mein Versuch, „Geduld“ zu sagen. Nur leider heißt Geduld auf Rumänisch „răbdare“…) Aber immerhin kommt meistens zumindest der Sinn von dem was ich sagen will rüber, und das ist ja schon mal was.
Wenn ich nicht gerade Puppen verarzte, mich beim Memory abzocken lasse oder Roboter aus Lego baue (damit kann ich besonders die kleinen Jungs beeindrucken), schlichte ich inzwischen also auch schon mal einen Streit, trockne ein Tränchen oder verhandele mit den älteren Kindern über Aufräumkonditionen. Und auch mit den Erzieherinnen klappt die Verständigung immer besser. Sie haben mich mit offenen Armen und offenen Herzen aufgenommen. Anfangs war es sehr schwierig, aber mittlerweile kann ich sogar ein bisschen Feedback geben zu dem, was ich bei den Kindern am Tag so beobachte (was die sprachliche Qualität meiner Äußerungen angeht… s.o.).
Die Arbeit selber macht mir wahnsinnig viel Spaß. Mal ehrlich, wer wünscht sich denn nicht heimlich, noch mal in den Kindergarten zu gehen und mit all den tollen Sachen zu spielen? Und ohne mich jetzt selber loben zu wollen muss ich doch sagen, dass ich schon immer schnell einen Draht zu Kindern gefunden habe. (Liebe Grüße gehen raus an Henry! 😉 ) Liegt vielleicht daran, dass ich mir ein bisschen das innere Kind bewahrt habe? Wer weiß.
Viel Zeit im Kindergarten verbringe ich damit, zu beobachten. Was jetzt nicht heißt, dass ich tatenlos in der Ecke sitze und nur gucke wie ein gruseliger Spanner, ich bin immer mitten drin im Geschehen, wie ihr es von mir kennt. Aber mir fallen halt viele Dinge auf, da ich zum ersten Mal in meinem Leben länger als 2 Stunden am Stück mit Kindern arbeite. Wie die Kinder miteinander umgehen, wie die beiden Erzieherinnen mit Konfliktsituationen umgehen, wie die Kinder auf Lob und Tadel reagieren, was sie zum Lachen bringt, wann sie weinen usw. Es ist erstaunlich, welche Entwicklung man bei den Kindern schon nach so kurzer Zeit feststellen kann. Viele von ihnen hatten gemeinsam mit mir ihren allerersten Tag im Kindergarten, waren schüchtern, wortkarg und nah am Wasser gebaut, und so ziemlich alle sind mittlerweile aufgeblüht, kommen freudig in den Kindergarten gestürmt, zupfen mir am Ärmel und wollen mir etwas zeigen oder mit mir spielen. Da stellt sich mir unweigerlich die Frage, ob ich, wenn ich mich von außen beobachten könnte, auch so eine enorme Entwicklung feststellen könnte, zum Beispiel auf die Sprache bezogen? (Von innen fühlt es sich, wie ihr diesem Artikel sicherlich entnehmen könnt, eher noch nicht so an.)
Besonders schön finde ich die Momente, in denen sich zeigt wie viel Gutes in den Kindern steckt und wie liebevoll sie miteinander umgehen können. Wenn der große Bruder ganz liebevoll dem kleinen Bruder die Schuhe zumacht, und der kleine Junge freudestrahlend in der Mitte von zwei Mädels sitzt und erklärt, dass beide neben ihm sitzen müssen weil sie ja Freunde sind, wenn das eine Mädchen das andere einfach so umarmt und ihm einen Kuss aufdrückt, wenn der schüchterne Junge die Gruppe lauter Kinder fragt, ob er mitspielen darf, und sie alle „Ja, natürlich“ rufen, wenn das neue Kind aus Sehnsucht nach der Mutter weint und gleich drei „Große“ mit Teddy und Puppe kommen um es zu trösten… da fühle ich mich wie eine stolze Mutterhenne, ganz unverdient natürlich, aber trotzdem.
Leider, leider ist es nicht immer so idyllisch. „Meine“ 30 Blagen hauen sich auch die Köpfe ein, rupfen sich gegenseitig das Spielzeug aus den Händen, werfen mit allem was bei drei nicht auf dem Baum ist um sich und sind überhaupt größtenteils ziemlich krawuttig (in unserer Familie ist das ein richtiges Wort. Kennt ihr das auch?). Ein paar richtige Teufelsbraten sind auch dabei, kleine Unruhestifter, die sehr gerne ihre Grenzen austesten bzw. anscheinend noch nie in ihrem kurzen Leben Grenzen aufgezeigt bekommen haben.

Bei dem einen oder anderen Knilch stoße ich auch schon mal nervlich an meine eigenen Grenzen. So wurde ich schon mit Spielzeug beworfen, gekniffen, gebissen, geschubst, getreten, geschlagen, ins Gesicht angespuckt und aus Leibeskräften angeschrien. Irgendwann fällt es mir dann schwer, ruhig und gelassen zu bleiben und mit freundlicher Bestimmtheit die Kinder zur Ordnung zu rufen (besonders beim Anspucken bin ich extrem schnell getriggert, das ist so ein Kindheitstrauma von mir), und spätestens dann merke ich, dass mir eine Erzieherausbildung und die Erfahrung fehlt.
Und so kommt es, dass ich nach der Arbeit oft noch sehr lange im Internet auf Eltern- und Erzieherforen nachlese, wie man mit dieser und jener Situation umgehen kann. Von den Erzieherinnen wird es so gehandhabt, dass die Kinder nach mehrmaliger Ermahnung auf die „stille Bank“, eine Bank in einer Ecke des Raumes, bzw. im schlimmsten Fall nach draußen auf den Flur (ist bisher vielleicht 3x vorgekommen) in eine Auszeit geschickt werden.
Bevor ich jetzt weiterschreibe, muss ich an dieser Stelle sagen, dass mir als Freiwillige ohne jegliche Ausbildung hier natürlich das Fachwissen fehlt, um das Ganze sachkundig beurteilen zu können. Ich kann daher nur beschreiben, wie es sich für mich in diesen Situationen in meiner Beobachterrolle anfühlt, was aber keinesfalls einem Expertenurteil entspricht. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass sich die Experten, wenn ich meiner Internetrecherche trauen darf, selber nicht ganz einig sind was nun die beste Art und Weise ist, ein Kind zu erziehen. Außerdem stehe ich ja ganz am Anfang meines Jahres, während die Erzieherinnen zumindest einige der Kinder schon seit ein paar Jahren begleiten. Das müsst ihr bei meiner folgenden Bewertung bitte im Hinterkopf behalten.
So, nun zu meiner Meinung zum Thema „Disziplinierung und Strafe“: An einigen Stellen im Netz habe ich gelesen, dass Isolation, wie es ein solches „Time out“ eben auch ist, bei Kindern ein regelrechtes Trauma hervorrufen kann, da Ausgrenzung für die Instinkte eines Kindes mit das Schlimmste ist, was man ihm antun kann. Wie gesagt, ich kann das nicht wissenschaftlich beurteilen, aber rein meiner Beobachtung nach zu schließen, scheint diese These zu stimmen, denn auf die Bank geschickt zu werden (noch schlimmer ist, aus dem Raum geschickt zu werden) ist für die Kinder so schlimm, dass sie anfangen zu weinen, wegzulaufen oder sich zu verstecken, wenn damit gedroht wird bzw. wenn die Strafe „vollstreckt“ werden soll. Mir ist natürlich schon bewusst, dass unsoziales Verhalten gewisse Konsequenzen haben muss, da das Kind sonst nicht lernt, sich im sozialen Gefüge so zu verhalten, dass es später in der Gesellschaft funktioniert. Ich meine damit die Grundsätze wie keine Gewalt anwenden, nicht stehlen, nicht lügen etc. Keinesfalls meine ich damit gedankenloses Akzeptieren von Regeln, aber ich denke das ist euch hoffentlich auch klar. Aber ob Angst oder regelrechte Panik da der richtige Weg sind? Ich bin mir unschlüssig, habe allerdings auch keine wirksame andere Methode parat.
Ich selber habe auch schon zwei, dreimal meine Androhungen von Konsequenzen wahr machen müssen und wusste dann ehrlich gesagt nichts besseres, als das Kind auf die Bank zu setzten und vom Spielen auszuschließen. Ich habe mich dann zumindest selber dazu gesetzt und das Kind getröstet, was in zwei von drei Fällen geholfen hat das Kind so weit zu beruhigen, dass man vernünftig über das Problem sprechen und sich versprechen lassen konnte, dass es sich ab sofort benimmt. Und in den zwei von drei Fällen war das Kind dann auch lieb. Aber sowas kann man natürlich nicht machen, wenn man eine große Gruppe alleine betreut, das ist mir auch klar. Sagen wir mal so: mein Interesse an dieser Thematik ist definitiv geweckt und ich bin gespannt, welche Erkenntnisse ich in diesem Zusammenhang noch gewinnen werde.
Aber ich merke auch, dass mir angesichts der Kinder zum einen bewusst wird, wie privilegiert ich aufwachsen durfte und wie privilegiert ich auch immer noch bin, materiell gesehen, aber auch was meinen emotionalen Reichtum angeht, wenn man das so nennen kann. Dass ich immer Familie und Freunde um mich habe, die mich lieben und unterstützen – das ist so eine wichtige Grundlage für das Leben und bei Weitem keine Selbstverständlichkeit. Zu sehen, wie sehr sich manche Kinder nach Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe sehnen, führt mir das ganz deutlich vor Augen. Und um diese Aufmerksamkeit (die für Kinder ja mit Liebe irgendwie gleichgesetzt wird, oder?) zu bekommen, haben die Kinder eben ganz unterschiedliche Strategien entwickelt. Die einen schreien, die anderen schlagen, ein Kind schlägt sich sogar selbst wenn es einen Fehler gemacht hat (das finde ich besonders beunruhigend). Bis zu 12 Personen leben in den Familien manchmal auf engem Raum zusammen, so wurde es mir erzählt. Kein Wunder, dass manche Kinder zu Hause um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, oder völlig übermüdet in den Kindergarten kommen. (Ich glaube übrigens, dass diese Beobachtung durchaus auch in einem deutschen Kindergarten relevant sein könnte, dann vielleicht mit anderen Hintergründen. Wir bewegen uns hier im Bereich der Mutmaßungen!)

Apropos Wohnsituation: Das nicht alle Kinder aus so privilegierten Verhältnissen stammen wie ich das Glück habe, konnte ich auch erleben, als ich nach ein paar Wochen zum ersten Mal mit dem Kleinbulli mitfahren und die Kinder nach Hause bringen durfte. Die Stadtteile, in denen die Kinder aufwachsen, wirken auf mich ziemlich trostlos und heruntergekommen. Auf den ersten Blick sind mir nur der Müll, die vielen Straßenhunde und die baufällige Mietskasernen aufgefallen. Da fiel es mir ziemlich schwer, den traurigen oder sogar mitleidigen Ausdruck von meinem Gesicht zu verbannen. Ja, ich urteile von der Position eines Menschen, der mit sehr hohen Lebensstandards in einem sehr reichen Land aufwachsen durfte. Aber die Kinder hier kennen ihr Leben nicht anders, materieller Reichtum spielt für sie in diesem jungen Alter keine Rolle. Und auch wenn ihre Kleidung vielleicht Secondhandware und – bei manchen – ein bisschen schmutzig und löchrig ist, und auch wenn der Plattenbau an einigen Stellen keine Fensterscheiben hat, und statt einem idyllischen Garten ein asphaltierter Platz zwischen den Häusern liegt, auf dem sich Tauben, Katzen und Hunde essbare Überreste aus dem Müll streitig machen, so ist das doch alles unerheblich, solange das Kind gerne nach Hause geht.
Und das tun sie. Ich sage euch, mir geht dabei jedes Mal das Herz auf. Wenn die Kinder schon fünf Minuten vor dem Eintreffen im Bus freudig singen, dass sie gleich zu Hause sind, und sich voller Begeisterung aus dem Bus und in die ausgebreiteten Arme von Mama oder Papa stürzen, dann kann man sich eigentlich nur freuen, dass sie offensichtlich geliebt werden und gerne nach Hause kommen. Und alles andere? Man kann nur hoffen, dass wir mit unserer Arbeit im Kindergarten unseren Teil dazu beitragen können, dass die Kinder sich geliebt und verstanden und akzeptiert fühlen, und so das Selbstbewusstsein entwickeln können das sie brauchen, um ihren Weg zu gehen.
An dieser Stelle mache ich erst mal Schluss für heute. Falls ihr schlaue Tipps für den Umgang mit Wutanfällen von 3-5-Jährigen habt, fühlt euch hiermit herzlich eingeladen, euer Wissen mit mir zu teilen. 🙂
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