Bericht 1: August bis November

Wer keine Zeit hatte, meine bisherigen Artikel zu lesen, findet hier in meinem hochoffiziellen ersten Zwischenbericht die grobe Zusammenfassung für das erste Quartal meines Auslandsjahres.

Ist das erste Vierteljahr meines Einsatzes als Missionarin auf Zeit schon oder erst vergangen? So ganz bin ich mir darüber noch nicht sicher, aber Fakt ist: Der Winter steht vor der Tür, die Vorbereitungen für Weihnachten haben bereits begonnen, und nachdem nun drei Monate um sind, wird es Zeit für den ersten von insgesamt vier Berichten in die Heimat.

[Anmerkung: Im originalen Zwischenbericht habe ich mich an dieser Stelle kurz vorgestellt, das lasse ich jetzt mal weg, denn das könnt ihr ja auf der Startseite nachlesen.]

Hallo aus Rumänien!

Ausgesendet von den Franziskanerinnen Salz­kotten und bestens vor­bereitet von den wunder­baren Teamer*innen ging es für mich am 21. August von Dortmund nach Timișoara im Westen Rumäniens. Aufgrund eines stornierten Fluges wurde ich dort zwei Tage später als geplant von den rumänischen Schwestern in Empfang ge­nommen. Und dann konnte endlich mein Jahr als Missionarin auf Zeit, kurz: MaZlerin, beginnen.

Mein Einsatzort ist der Kindergarten St. Ursula in Caransebeș. Der Kindergarten wurde von den Franziskanerinnen gegründet und finanziert sich hauptsächlich durch Spenden. Im Kontrast zu den meisten anderen MaZ-Einsätzen der Franziskanerinnen Salzkotten wird mein Einsatz im Projekt nicht von dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts gefördert, da Rumänien zur EU gehört. Das bedeutet, dass mein Einsatz hier komplett von der Erzdiözese Paderborn und den Salzkottener Franziskanerinnen getragen wird.

Bine ai venit – Herzlich Willkommen im Kloster

Zwei Wochen lang habe ich einen Intensivsprachkurs in Timișoara besucht, bei dem ich von Spielplatzvokabeln bis zu Bedingungssätzen alle notwendigen Grundlagen der rumänischen Sprache gelernt habe. Wohnen durfte ich in dieser Zeit in einem Zimmer des Malteser-Altenheims im Stadtteil Elisabetin, von wo aus man super zu Fuß das Zentrum und damit auch alle Sehenswürdigkeiten der drittgrößten Stadt Rumäniens erkunden kann. (Wer es noch nicht getan hat, kann über meine Zeit in Timișoara hier mehr lesen.) Nachdem mein Kopf bis zum Bersten mit Vokabeln und Grammatik gefüttert worden war, hieß es für mich Abschied nehmen und weiterreisen in das etwa 80 km entfernte Caransebeș, mein eigentliches Ziel.

Insgesamt sieben Schwestern gehören zur Region Rumänien der deutschen Provinz der Franziskanerinnen. Zwei davon leben in einer kleinen Wohnung in Timișoara, und die restlichen fünf in Caransebeș im Kloster. Ich trudelte mitten in der Urlaubszeit dort ein, und lernte alle Bewohner*innen nach und nach kennen. Zuerst Sr. Lydia, die mich vom Bahnhof abholte, und die z.B. in der Gemeinde Religionsunterricht gibt und im Kirchenchor aktiv ist, in dem ich mittlerweile auch singe. Und auch Sr. Iuliana war da, die bei der Caritas arbeitet, und ein besonderes Händchen für Blumenschmuck hat. Einen Tag nach mir traf auch Sr. Hiltrud ein, die einzige deutsche Schwester vor Ort und Bereichsleitung des zur deutschen Provinz gehörenden Bereichs Rumänien. Sie hat sich auch nach zehn Jahren in Rumänien ihre sauerländische Mundart bewahrt und mir damit gleich beim ersten Gespräch ein bisschen Heimatgefühl in der Fremde vermittelt. Daraufhin folgte Sr. Maricica, die für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt und meinen Gaumen regelmäßig mit Leckereien verwöhnt. (Kostprobe gefälligst? Gibt es hier.) Ich kannte sie bereits, weil sie mich auch am Flughafen eingesammelt hat. Und zu guter Letzt traf dann Sr. Mariana ein, die ich bereits im Mai in Deutschland bei einem Vortrag kennenlernen durfte und die mich auch während meines Einsatzes betreut. Außerdem gehören zum „Inventar“ des Klosters noch die beiden Männer, Balu und Prinz, ein sehr verspielter Hundemischling unidentifizierbaren Ursprungs und ein rotgetigerter, verschmuster Kater.

Prinz, der royale Klosterbewohner
Balu, der ungestüme Rowdy

Engagiert für die Menschen vor Ort

Die Schwestern haben hier in Caransebeș viele Projekte, die ich zumindest einmal kurz benennen möchte bevor ich von meinen eigenen Aufgaben erzähle. Im Kloster selber leben außer den fünf Schwestern noch 12 Mädchen im Alter von 14 bis18 Jahren, die unter der Woche in Caransebeș die Schule besuchen und die Wochenenden bei ihren Familien in weiter entfernten Dörfern verbringen. Einigen von ihnen ist das nur dank der finanziellen Unterstützung der Schwestern möglich. Mein Zimmer im Kloster war ebenfalls im „Internatsteil“ des Gebäudes – und ja, mittlerweile wohne ich nicht mehr dort, aber dazu später mehr. Die Mädels werden im Kloster verköstigt und von Sr. Mariana betreut, und fühlen sich, so war bisher mein Eindruck, pudelwohl.

Direkt an das Kloster angeschlossen ist eine Kleiderkammer. Wer in Salzkotten lebt, weiß sicherlich, dass das Mutterhaus der Franziskanerinnen dort Sachspenden für Rumänien sammelt. Was mir bisher nicht klar war: Es werden nicht nur Kleidung und Spielsachen, sondern auch Dinge wie Möbel, Haushaltsgeräte und sogar Türen und Fenster gespendet. All das wird mit mehreren Transporten im Jahr nach Caransebeș gebracht und hier von den Schwestern entweder auf eigens veranstalteten Flohmärkten oder eben in der Kleiderkammer verkauft. Der Erlös kann dann wiederrum bedürftigen Menschen zugutekommen, z.B. in Form von Schulgeld oder Essen auf Rädern für Senioren.

Damit komme ich direkt zum nächsten Projekt: die Sozialstation. Von hier aus brechen mehrere Teams von Krankenpflegern tagtäglich auf, um alte und kranke Menschen in Caransebeș und Umgebung zu versorgen. Vom Staat wird das leider nicht gefördert, weshalb die Sozialstation auf die Unterstützung von Spenden angewiesen ist. Ebenfalls im gleichen Gebäude untergebracht ist die Kinderhilfe, ein eigenes, rein spendenfinanziertes Projekt von einem Lehrerehepaar, die einer Gruppe von materiell benachteiligten Schulkindern (von 7 bis 17 Jahren ist alles vertreten) hier einen Treffpunkt bieten an dem sie warme Mahlzeiten und Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommen. Außerdem dient ein weiterer Gebäudeteil als Jugendzentrum, ein anderer als Gästehaus der Schwestern.

Darüber hinaus sind die Schwestern aber auch in der Gemeindearbeit sehr aktiv, bieten z.B. Religionsunterricht, Jugendtreffen, Kirchenchor und monatliche Frauenrunden an. Wem jetzt noch nicht der Kopf brummt angesichts der vielen Projekte, in die hier Spenden, Zeit und Herzblut fließen, dem mag aufgefallen sein, dass ein ganz entscheidendes Projekt in der Aufzählung noch fehlt.

Mein Projekt – Kindergarten St. Ursula

Die Rede ist natürlich vom Kindergarten St. Ursula, der sich direkt neben dem Kloster befindet und meine Haupteinsatzstelle ist. Den Kindergarten selbst gibt es schon seit 1994, das aktuelle Gebäude wurde allerdings erst vor einigen Jahren fertig gestellt und ist dementsprechend modern, hell und freundlich. (Der Neubau wurde übrigens komplett durch Spenden ermöglicht!)

Blumendekoration im Flur des Kindergartens, selbst gemacht von einer Angestellten

Ein Arbeitstag im Kindergarten beginnt morgens um 8 Uhr. Die Kinder werden an Sammelpunkten in drei Stadtteilen mit dem Minibus des Kindergartens abgeholt. Wer im Kindergarten ankommt, bekommt im Speiseraum erst mal Frühstück, Cornflakes zum Beispiel, oder Brot. Freitags gibt es statt Tee Kakao, das ist immer der absolute Knaller bei den Kindern! Nach dem Essen werden die Milchzähnchen geputzt und bei dem ein oder anderen das margarineverschmierte Gesicht gewaschen (jede Gruppe hat ihr eigenes Badezimmer), bevor es dann zum Spielen in die jeweilige Gruppe geht. Sind alle Kinder eingetrudelt und verköstigt, räumen wir gemeinsam das Spielzeug auf, denn dann beginnt der Lernteil des Vormittags.

Hier lernen wir gerade etwas über die Gemüsesorten des Herbstes

Da in Rumänien der Kinder­garten auch als eine Art Vor­schule dient, lernen die Kinder in spielerischen Einheiten Grund­legendes wie Farben, Zahlen, Buch­staben, Tiere, Jahreszeiten, sowie Themen wie Märchen, gesunde Ernährung oder Hy­gi­e­ne. Zum Turnen gehen wir in den Sportraum, oder auch nach draußen, wenn das Wetter es zu­lässt. (Bisher hatten wir mit dem un­gewöhnlich milden Herbst Glück in dieser Hinsicht. Klimawandel lässt grüßen?!)

Schneeengel sind für Anfänger 😉

Oft wird mit den Kindern auch gebastelt, mit Knete geformt, gemalt, geschnitten, geklebt – egal, Hauptsache die neugierigen Kinderhände haben eine Beschäftigung. Ist die Lerneinheit beendet, darf bis zum Mittagessen wieder gespielt werden – je nach Wetterlage draußen oder drinnen. Dann gibt es für alle Kinder gemeinsam warmes Essen, zuerst Suppe, dann ein zweites Gericht, zum Beispiel Nudeln oder Kartoffelbrei mit Gemüse. Das Essen wird bei der Caritas zubereitet und jeden Mittag zum Kindergarten gebracht. Damit die Mahlzeit schon auf dem Tisch bereit steht, wenn die Kindermägen knurren, gibt es außer den beiden Erzieherinnen noch zwei gute Engel – anders kann die Stellenbeschreibung kaum lauten – die sich neben dem Essen unter anderem auch um die Sauberkeit, Einkäufe sowie die Fahrten mit dem Minibus kümmern. Wenn alle verköstigt sind, werden die Kinder wieder weggebracht, je nach Anzahl in 3-4 Touren. Danach steht bis zum Feierabend um 16 Uhr nur noch aufräumen, abwaschen, putzen und, ganz wichtig, verschnaufen und ein bisschen schnacken auf dem Programm.

Und was sind jetzt genau meine Aufgaben?

Ich selber helfe überall da, wo es eben gerade nötig ist. Da eine der Erzieherinnen immer im Bus mitfährt, und der zweite Engel erst mittags kommt, teile ich mir die Betreuung der ankommenden Kinder mit der anderen Er­zieherin. Mal bin ich eher im Speiseraum und in den Badezimmern und passe auf, dass alle genug zu essen bekommen und sich ordentlich die Zähne putzen, mal bin ich eher in den Gruppenräumen und spiele mit den Kindern. Es gibt hier keine feste Einteilung wer was macht, das ergibt sich meistens von selbst.

Hohe Konzentration beim Puzzlen…

Wenn alle im Kindergarten eingetroffen sind, gehe ich abwechselnd einen Tag zu den Bärchen und einen Tag zu den Hasen. In den Lerneinheiten bin ich für gewöhnlich eher Beobachter, lerne selbst neue Wörter und versuche auch, mir ein paar didaktische Methoden bei den Erzieherinnen abzugucken. Wenn es dann an die praktischen Arbeiten geht, bin ich wieder voll im Einsatz und helfe den Kindern, ihre Aufgaben zu meistern. Um 12 Uhr gehe ich zu den Schwestern nebenan ins Kloster zum Mittagessen. In der Regel komme ich zurück, wenn das Mittagessen der Kinder gerade vorbei ist, oder zumindest in den letzten Zügen liegt. Deswegen gibt es hier für mich eher nicht mehr viel zu tun. Wenn die Kinder dann aufbrechen, teilen wir uns wieder die Aufgaben ein so wie es auch morgens der Fall ist. Zwei Leute fahren mit dem Minibus die Kinder weg, die anderen bespaßen die übrigen und sorgen dafür, dass sie rechtzeitig abfahrbereit sind.

„Es ist nicht wichtig, wie langsam du gehst, sofern du nicht stehen bleibst.“

Konfuzius

Innerhalb der ersten drei Monate konnte ich definitiv schon eine Entwicklung erkennen, was meine Aufgaben angeht. Während ich am Anfang eher passiver Beobachter war, kann ich mit meinen wachsenden Sprachkenntnissen inzwischen auch aktiver vorgehen, also auch mal einen Streit schlichten, ein Kind trösten oder ein Spiel anleiten. Ein paar Mal bin ich auch schon im Minibus mitgefahren. Für mich war das interessant, weil ich sehen konnte, in welchen Stadtteilen die Kinder leben. Dadurch konnte ich noch mehr über ihre Hintergrundgeschichten lernen. Der Kindergarten ist nämlich speziell für Kinder aus sozialschwachen Familien, und die familiären Situationen der Kinder sind oft nicht so idyllisch wie man es ihnen wünschen würde. Aber so bedrückend es auch sein mag, die armen Verhältnisse zu sehen, aus denen die Kinder stammen, umso schöner ist es, Zeuge davon zu werden, mit wie viel Begeisterung sie nach Hause kommen und sich in die ausgebreiteten Arme ihre Eltern schmeißen. (Einen ausführlicheren Beitrag zum Thema Kindergarten findet ihr auch hier.)

Darüber hinaus hat es sich mittlerweile ergeben, dass ich an Tagen, an denen im Kindergarten nicht so viel für mich zu tun ist, eher gehen kann, um entweder im Kloster zu helfen (ich habe zum Beispiel Walnüsse im Garten gesammelt oder bin Sr. Maricica in der Küche zur Hand gegangen) oder zur Kinderhilfe zu gehen. Mittlerweile bin ich bei der Kinderhilfe sogar jeden Dienstag fest eingeplant. Dort helfe ich so gut ich kann bei den Hausaufgaben. Bei Mathe und Rumänisch bin ich als Unterstützung zwar eher unbrauchbar, aber bei Englisch kann ich ganz gut weiterhelfen, und beim Spielen (der Kleinste in der Runde liebt Monopoly) sowieso!

Im Kindergarten wurde ich mit offenen Armen empfangen, von den Kindern wie von den Erzieherinnen.

Im Kindergarten und bei der Kinderhilfe fühle ich mich unglaublich wohl, weil die Menschen dort so wahnsinnig herzlich, hilfsbereit und offen sind. Überhaupt sind Herzlichkeit und Gastfreundschaft Eigenschaften, die mir hier immer wieder begegnen, ob bei den Jugendlichen von Sr. Marianas Jugendtreff, bei den Sängern in Sr. Lydias Chor, bei den Frauen in Sr. Maricicas Frauenrunde oder auch bei den Menschen mit denen ich in Timişoara zu tun hatte. Ob es daran liegt, dass der Banat, also die Region in der ich mich befinde, ohnehin als Vielvölkerstaat eine sehr offene, tolerante Gegend ist, oder ob das auf ganz Rumänien zutrifft, bleibt noch herauszufinden. Aber beeindruckt hat es mich allemal.

Kulturschock innerhalb der EU?

Insgesamt kommen mir die Rumänen schon ein bisschen lauter und temperamentvoller vor als die Deutschen (was, wenn wir mal ehrlich sind, ja auch nicht so wahnsinnig schwierig ist). Das ist vielleicht auch der Grund, warum sich im Kloster, in unmittelbarer Nachbarschaft zu vier 14/15-jährigen, schnatternden Mädels kein richtiges „Zuhause“-Gefühl einstellen wollte, denn „Zu­hause“ bedeutet für mich in erster Linie ein Ort des Rückzugs, wo ich zur Ruhe kommen kann. Wenn in den Nebenzimmern allerdings jeden Abend bis nach Mitternacht gequasselt, gegackert und gequiekt wird, gestaltet sich das mit dem zur Ruhe kommen ein bisschen schwierig.

Das war für mich auch der ausschlaggebende Punkt, nach 11 Wochen doch noch einmal die Koffer zu packen und den Umzug in eines der Gästezimmer über der Sozialstation zu wagen. Hier, gerade mal 5 Minuten Gehweg von Kindergarten und Kloster entfernt, habe ich nicht nur eine ganze Etage für mich (außer in dem seltenen Fall, dass sehr viele Gäste auf einmal untergebracht werden müssen), sondern auch die Möglichkeit, morgens und abends selber in der Küche zu stehen, was mich wirklich glücklich macht.

Ein richtig heftiger Kulturschock blieb, vielleicht weil Rumänien zur EU gehört, letztendlich aus, worüber ich aber ganz und gar nicht böse bin. Hier ist trotzdem so vieles anders, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Das fängt bei der offenen Art der Menschen an, setzt sich in der Architektur fort und hört bei dem Einfluss von Religion auf den Alltag noch lange nicht auf. Mich begeistern vor allem das leckere Essen, die wunderschöne Landschaft, von der ich hoffentlich noch viel mehr sehen kann, sowie die Mischung aus Elementen ganz unterschiedlicher Kulturkreise, denn in diesem Land prallen buchstäblich Orient und Okzident aufeinander. Das spiegelt sich in der Sprache genauso wider wie im Essen, der Musik oder auch der Geschichte.

Spannende Architektur, zum Beispiel farbenprächtige orthodoxe Kirchen, …
… und lokale Spezialitäten auf der Kirmes laden zum Entdecken ein.

Aller Anfang kann auch schwer sein

Apropos Sprache: Die war für mich bisher wohl die größte Hürde. Rumänisch lernen? Für einen sprachbegabten Menschen wie mich kein Problem, habe ich gedacht. Dass es dann aber doch teilweise recht mühsam und zäh sein kann, sich nicht richtig verständigen zu können (für mich war und ist vor allem das Sprechen schwierig, Verstehen klappt eigentlich ziemlich gut), hatte ich unterschätzt und war dementsprechend frustriert. Drei Monate von täglichen Vokabelübungen später würde ich aber sagen, dass ich ein ganz gutes Level erreicht habe, das es mir möglich macht mich zu verständigen und auch in dem was ich sage ein Stück weit meinen Charakter mitzutransportieren. (Will heißen: Ich kann auch mal einen Witz machen oder ironisch sein.) Und spätestens nach Weihnachten, so wurde es mir prophezeit, platzt der Knoten sowieso und ich werde über Nacht zum Rumänisch-Spezialisten. Oder so ähnlich. Das Wichtigste ist, dran zu bleiben (ich wiederhole jeden Morgen nach dem Aufwachen mit meiner Vokabel-App neue Wörter) und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn es mal nicht so klappt!

Auch in Sachen Freizeitgestaltung hat sich rückblickend einiges getan, selbst wenn sich der Fortschritt hier eher unbemerkt eingeschlichen hat. Am Anfang habe ich sehr viel alleine und auf eigene Faust unternommen, in Timişoara, und auch in Caransebeș. Aber durch den Chor, den Jugendtreff und den Kindergarten haben sich mittlerweile einige Kontakte ergeben, sodass ich auch mal in der Stadt Leuten begegne, die ich kenne und mit denen ich kurz schwatzen kann, zu einer Kollegin zum Kuchen eingeladen war, und eine Gruppe von Gleichaltrigen kennengelernt habe, die meine Leidenschaft für Pizza und Brettspiele teilen.

Mein Fazit nach drei Monaten

„Gut Ding will Weile haben“ heißt es bekanntlich. Ja, diese Sache mit der Geduld, die lerne ich hier Schritt für Schritt. Egal ob es darum geht, meine Erwartungen an mich selber (Stichwort Sprache) oder an andere kritisch zu hinterfragen, oder darum, sich von Trotzanfällen kleiner Kinder oder kleinen Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – all das gehört zu dem ständigen Lernprozess, in dem ich mich hier befinde und für den ich mich ja auch bewusst entschieden habe. Ein Jahr, um an den Herausforderungen zu wachsen, die in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache auf mich warten. Aber auch ein Jahr, in dem aus Fremden hoffentlich Freunde werden. Die Zeichen dafür stehen gut.

Die Kapelle der Schwestern, hier festlich für ein Taizé-Gebet geschmückt.

„Mitleben, Mitarbeiten, Mitbeten“ – so lautet das Motto der Missionare auf Zeit, und das trifft den Nagel auf den Kopf. Sonntags besuche ich gemeinsam mit den Schwestern die Messe, singe dort ja auch im Chor. Und wann immer es zeitlich möglich ist, bete ich auch die Vesper, also die Abendandacht, gemeinsam mit den Schwestern in ihrer Kapelle. Für mich ist dieser meditative Tagesabschluss bereits eine sehr liebe Tradition geworden, die mir durchaus fehlt wenn ich sie mal verpasse.

Die katholische Kirche in Caransebes

Aber auch über diesen unmittelbaren religiösen Kontext hinaus ist es schön, in das Leben, den Alltag einer anderen Kultur eintauchen zu können und sich dabei so willkommen geheißen zu fühlen. „Nina nostra“ nennen sie mich im Kindergarten, also „unsere Nina“. Wenn alle Menschen auf der Welt ihre Arme Fremden gegenüber so ausbreiten würden wie die Menschen es hier mir gegenüber tun, dann wäre der Gedanke von der „Einen Welt“ wohl schon bald nicht mehr nur eine schöne Idee.

Auch wenn ich mir nur sehr ungerne dieses schöne Schlusswort versaue, möchte ich dem Zwischenbericht noch eine tagesaktuelle Anmerkung hinzufügen:

Einen wunderschönen 1. Advent wünsche ich euch allen (der übrigens hier in Rumänien heute mit dem Nationalfeiertag zusammenfällt). Aus ganzem Herzen möchte ich euch Danke sagen, für eure lieben Nachrichten, die mich auf zahlreichen Wegen erreichen, und die mir zeigen, dass ihr mit großem Interesse Anteil nehmt an dieser Reise, die ich vor drei Monaten begonnen habe. Gerade in Momenten, in denen das Heimweh arg im Herzen ziept (ja, die gab es schon mehrfach) hilft es ungemein zu wissen, dass dort so viele Menschen sind, die den Weg aus der Ferne (oder aus Verne, hihi) mit mir gehen. Ich weiß das wirklich zu schätzen! Passt auf euch auf und habt eine schöne und vor allem ruhige Adventszeit. (Letzteres ist vermutlich eher nur ein frommer Wunsch, aber aussprechen kann man es ja mal.) Wir hören uns bald wieder!

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