Ein abruptes Ende

Hallo aus Deutschland! Dass ich diesen Artikel fünf Monate früher schreiben würde als geplant, gehört wohl auch zu den Überraschungen, die dieser Einsatz für mich bereit hielt. Aber fangen wir von vorne an.

Dass ich mit einer Mittelohrentzündung im Bett lag, wisst ihr ja bereits. Leider ging die auch noch mal in die Verlängerung, zweites Antibiotikum inklusive (ich gebe eben immer 100%… 😉 ). Fun Fact zum Thema Apotheken in Rumänien: Man kriegt dort die Tabletten genau in der vom Arzt vorgeschriebenen Menge abgezählt, also notfalls auch eine komplette Packung + 3 Tabletten aus einer weiteren Packung, oder sie schneiden einem von dem Blister was weg. Ich finde die Idee super, weil man damit vermeiden kann, dass sich zu Hause viele alte Medikamente ansammeln, die dann ablaufen und irgendwann entsorgt werden müssen.

Ich hätte fast eine kleine Apotheke eröffnen können.

In der Zwischenzeit wurden in Rumänien Kindergärten und Schulen vorsorglich geschlossen, denn mittlerweile wütete Covid-19 schon ziemlich heftig in Norditalien, und da die vielen Rumänen, die im europäischen Ausland und vor allem in Italien und Spanien arbeiten, nun schnell zurück in die Heimat kamen, erwartete man einen schnellen Anstieg der Infektionszahlen. Ich war also außer Gefecht, und im Kindergarten lag auch erst mal alles brach. Ohne viel Ablenkung konnte ich jetzt die Nachrichten verfolgen, die sich im Viertelstundentakt änderten und mit jeder Änderung dramatischer anhörten. Grenzschließungen, rasant steigende Zahlen von Infektionen und Toten, Quarantäne-bestimmungen, zunehmende Beschränkungen der Freiheiten… mir wurde immer mulmiger zumute. Und an dem Tag (16.03.), an dem ich für mich selbst beschlossen hatte, dass ich angesichts der sich zuspitzenden Lage lieber nach Hause zurückkehren würde, kam ein Anruf vom MaZ-Team aus Deutschland. Das Außenministerium orderte alle Freiwilligen schnellstmöglich zurück nach Deutschland, solange es noch möglich war.

Und auf einmal überstürzte sich alles. Ich begann direkt nach dem Telefonat damit, alle meine Sachen zusammen zu suchen, während ich gleichzeitig mit meiner Familie telefonierte. Abends haben wir bei den Schwestern direkt einen Flug buchen können. Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich damit, meinen Koffer so oft ein- und auszupacken, bis ich endlich irgendwie alles darin verstaut hatte. (Das Gepäck hatte sich nämlich auf wundersame Weise vermehrt innerhalb der letzten Monate.) Von meinen Freunden und Kollegen konnte ich mich nur noch telefonisch verabschieden. Und nur einen Tag später, am 18.03., ging es dann nach dem Frühstück los nach Timișoara zum Flughafen.

Ja, ich hatte mir zwar gewünscht, in dieser unsicheren Zeit bei meiner Familie zu sein, aber das ging nun doch irgendwie so schnell, dass bei mir Kopf und Herz nicht so richtig mit dem Verarbeiten hinterher kamen, und so stand ich irgendwie während dem ganzen Packstress ein bisschen neben mir.

Ein letzter, sehnsuchtsvoller Blick in Richtung Berge – kurz vor meiner Abreise ließ sich der Frühling erahnen.

Auf einmal war ich in Timișoara schon durch die Sicherheitskontrolle, und saß am Gate um auf den Flieger zu warten. Der Flughafen war unheimlich leer, viele Flüge waren bereits gestrichen, und von den wenigen Menschen, die hier noch unterwegs waren, trugen etliche Masken und/oder Handschuhe. Ein seltsames Gefühl, einen sonst so geschäftigen Ort nun so leer zu erleben!

Nur ein paar Stunden später war ich schon wieder in Deutschland. Die Wiedersehensfreude war riesig, trotz der traurigen Umstände!

Die Wiedersehensfreude mit meinem Hund war auf beiden Seiten groß! 🙂

Überhaupt überwog bei mir in den ersten Tagen die Erleichterung darüber, wieder in Deutschland zu sein, vor allem angesichts der beklemmenden Nachrichten, die jeden Abend aus unseren europäischen Nachbarländern über den Bildschirm flackerten.

Erst nach und nach wurde mir bewusst, was das vorzeitige Ende meines Freiwilligendienstes auch für mich bedeutete: der fehlende Abschied, vor allem von „meinen“ Kindern, die ganzen Orte, die ich  in Rumänien noch besuchen wollte, die Pläne, die ich mit Freunden für die nächsten Monate geschmiedet hatte, und irgendwie auch der Neuanfang im Frühling nach dem schwierigen Winter, dessen ich nun beraubt wurde. Dagegen hilft jetzt nur eins: Pläne schmieden für einen Besuch, um all das zumindest ein Stück weit nachzuholen, wenn das dann irgendwann wieder möglich ist.

Nachdem alle meine Mitfreiwilligen heile in Deutschland angekommen waren und eine kurze Verschnaufpause hatten, wartete schon die nächste Überraschung auf uns – aber dieses Mal eine wirklich schöne. Unsere lieben Teamerinnen hatten nämlich in Windeseile ein einwöchiges Notfallseminar für uns auf die Beine gestellt. Alles digital versteht sich, denn Abstand halten ist ja leider Regel Nummer 1 in diesen Tagen. Aber per Videochat hatten wir so die Gelegenheit zum Austausch untereinander als „Betroffene“, und ich denke ich darf da mal so verallgemeinern wenn ich sage, dass uns das allen sehr gut getan hat.

Gut getan hat mir persönlich vor allem die Einheit zum Thema Corona und Privilegierung. Denn dass es uns trotz all der Unannehmlichkeiten derzeit noch extrem gut geht, kann ich doch schnell mal aus den Augen verlieren wenn etwas so Dramatisches passiert wie streikendes Wlan, ausverkauftes Klopapier oder Besuchsverbot bei Freunden und Verwandten. Dabei bedeutet Selbstisolierung bei mir „Festsitzen“ im eigenen Zimmer, in einem Haus mit Garten, mit Strom und fließendem Wasser, mit Internet, einem Schrank voller Gesellschaftsspiele und einer Mama und einem Bruder, die sich (meistens) zu einer Partie Karten überzeugen lassen. Es bedeutet, trotzdem spazieren gehen zu können, weil es hier auf dem Land genug Felder gibt, um sich dabei aus dem Weg zu gehen, und im Supermarkt alles Notwendige zu bekommen, auch wenn die Wachleute und die Plexiglasscheiben an den Kassen gewöhnungsbedürftig sind. So gesehen habe ich gar keinen Grund zur Beschwerde.

Denn es gibt viele Menschen, die in dieser Zeit ganz anders aufgestellt sind. Ich denke da zum Beispiel an die Familien in Rumänien, in denen für viel größere Familien nur ein einziges Zimmer zur Verfügung steht. Oder die Familien in Städten wie Paris, die jetzt nur ein oder zwei Stunden am Tag mit ihren Kindern nach draußen dürfen. Ich denke an die Krankenhäuser in Ländern die wirtschaftlich nicht so gut aufgestellt sind wie Deutschland, bei denen bereits jetzt schon klar ist, dass sie einer Flut von Kranken niemals mit ausreichend Intensivbetten, Material und Personal entgegentreten können. Ich denke an die Menschen, die in Slums oder Flüchtlingslagern leben und weder die Möglichkeit haben, den empfohlenen Abstand zu Mitmenschen zu halten, noch sanitären Einrichtungen, um den Hygieneempfehlungen der WHO zu folgen. Und ich denke an die Ärzte, Sanitäter, Kranken- und Altenpfleger, die bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus gehen, um Leben zu retten. An die Menschen, die in Laboren Überstunden leisten um täglich die vielen Proben zu  untersuchen. Und an die Menschen, die in Supermärkten, bei der Post, bei der Müllabfuhr und an ganzen vielen anderen Stellen dafür sorgen, dass unser Leben hier so normal wie möglich weitergehen kann.

Und plötzlich ist das Abstand halten und zu Hause bleiben gar nicht mehr so schlimm, sondern fühlt sich eher an, als würde ich wenigstens ein bisschen meinen Teil dazu beitragen, dass wir die Situation zumindest nicht noch schlimmer machen als sie schon ist.

Wie geht es nun bei mir weiter? – das fragen sich einige von euch bestimmt. Nun, mein Freiwilligendienst ist nun beendet, und ich habe für mich selbst auch ausgeschlossen, ihn zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen, auch falls das wider erwarten in ein paar Monaten möglich sein sollte. Auch wenn es in der aktuellen Situation schwierig wird, möchte ich mich nun auf die Jobsuche konzentrieren. (Falls jemand noch einen Texter mit Erfahrung im Online-Bereich sucht, freue ich mich über eine Nachricht! 🙂 )

Aber das heißt nicht, dass es hier auf dem Blog schon zu Ende ist, denn die ein oder andere Frage möchte ich hier trotzdem noch beantworten, und auch ein Abschlussbericht steht noch aus. Ich würde mich also freuen, wenn ihr noch ein bisschen weiter mitlest.

Bleibt gesund, passt auf euch auf, und bis zum nächsten Mal!

Eure Nina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s